Dienstag, 7. Juli 2015

Machen Getreide und Milch süchtig?

Was will er uns denn heute wieder für eine Räuberpistole auftischen? Dass Milch und Getreide dick machen können, das nehmen wir ihm ab. Dass Milch und Getreide krank machen können? - Naja. Aber Milch und Getreide sollen süchtig machen ? Nein, No, Oxi, Njet!

Wenn Ihr mir partout nicht glauben wollt, dass an der, durch die Ausgangsfrage der Überschrift implizierten Behauptung etwas dran ist, dann gebt mir wenigstens die Gelegenheit Euch einige Argumente zu liefern, die Euch zum Nachdenken bringen werden.

Und by the way auch noch Stoff für eine hochspannende Hypothese liefern, warum die Menschen vor gut 10.000 Jahren im Zuge der Neolitischen Revolution ihr Leben als Jäger und Sammler aufgegeben haben und zu seßhaften Ackerbauern und Viehzüchtern geworden sind....
 von Robert Bock

... und das obwohl nach allem, was wir heute wissen so gut wie nichts dafür sprach, diesen Schritt zu tun, denn die Ackerbauern der Jungsteinzeit litten unter einer im Vergleich zu ihren Kollegen, die weiterhin jagten und sammelten, erbärmlich schlechten Gesundheit, waren einen halben Kopf kleiner, starben früher, mußten eine dramatisch höhere Säuglings- und Kindersterblichkeit verkraften und mußten darüber hinaus auch noch wesentlich länger und härter "im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen", als das ihre Vorfahren tun mußten.

Darüber hinaus brachte die sog. Zivilisation tiefgreifende Veränderungen der sozialen Strukturen mit sich: Aus freien, egalitär strukturierten Sippenverbänden entwickelten sich Stadtstaaten und später Großreiche mit klar gegliederten sozialen Schichten in denen der Einzelne nicht nur für sich und seine Familie, sondern auch für die ihm fremden Besitzenden und Herrscher schuften und ggfls für deren Interessen sein Leben lassen mußte.

Warum um alles in der Welt also kehrten die Menschen nicht zur Subsistenzweise ihrer Väter und Großväter zurück, sondern spannten sich diese Ochsen (entschuldigt die Metapher, aber die konnte ich nicht einfach liegenlassen...) freiwillig vor den Pflug einer - relativ zur Lebensqualität der Jäger und Sammler - in vielerlei Hinsicht suboptimalen Lebensweise? Waren sie möglicherweise der Sucht nach Getreide und Milch verfallen?


Die Frage, warum die Menschen, beginnend vor etwa 10.000 Jahren das Experiment Ackerbau und Viehzucht durchgezogen haben - wenn auch schleppend und mit Anlaufproblemen - beschäftigt die Paläoanthropologen seit jeher. Denn dass diese - retrospektiv betrachtet und gewertet - bahnbrechende Kulturleistung des Homo Sapiens in vielerei Hinsicht die Welt verändert hat ist unbestritten. Doch die Menschen mußten, ohne zu wissen, wohin sie das Experiment letztlich führen würde, eine empfindliche Verschlechterung ihrer Lebensqualität als Preis bezahlen. Der Fortschritt fühlte sich zunächst nach allem an, aber nicht nach einem Fortschritt. Warum waren sie bereit dazu? Wie läßt sich das erklären? Warum trieben die Menschen einen Wandel ihres Lebensstils voran, der evolutorisch betrachtet, keine adaptiven Belohnungen gegenüber ihrer bisherigen, bewährten Lebensweise einbrachte? Cohen (Cohen 1977, S. 141) brachte das Paradoxon in folgernder Formulierung auf den Punkt:
"If agriculture provides neither better diet, nor greater dietary reliability, nor greater ease, but conversely appears to provide a poorer diet, less reliably, with greater labor costs, why does anyone become a farmer?"

Die wissenschaftliche Gemeinde zerbrach (und zerbricht sich bis heute) über diesem Rätsel die Köpfe. Hayden (Hayden 1990) formulierte dazu treffend:

"Few topics in prehistory have engendered as much discussion and resulted in so few satisfying answers as the attempt to explain why hunter/gatherers began to cultivate plants and raise animals. Climatic change, population pressure, sedentism, resource concentration from desertification, girls' hormones, land ownership, geniuses, rituals, scheduling conflicts, random genetic kicks, natural selection, broad spectrum adaptation and multicausal retreats from explanation have all been proffered to explain domestication. All have major flaws ... the data do not accord well with any one of these models." 

Als sich, beginnend in den 1960er Jahren, die Hinweise aus wissenschaftlichen Studien verdichteten, dass es möglicherweise Zusammenhänge zwischen dem Konsum bestimmter Nahrungsmittel und psychischen Erkrankungen geben könnte, begann man Nahrungsmittel auf ihren Gehalt an arzneimittelähnlichen Substanzen hin zu untersuchen. Und - siehe da - man wurde fündig.

Dohan (Dohan 1966, 1984) und Dohan et al. (1973, 1983) fanden heraus, dass sich die Symptome der Schizophrenie abschwächten, wenn man den Patienten eine Diät ohne Getreide- und Milchprodukte verabreichte. Ebenso fand er heraus, dass Patienten, die unter Zöliakie (einer Unverträglichkeit gegenüber dem in verschiedene Getreiden, vor allem im Weizen vorhandenen Proteins Gluten) litten, eine statistisch deutlich höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, an Schizophrenie zu erkranken. Am Beispiel einiger Völkergemeinschaften im Pazifikraum konnte er nachweisen, dass dort Schizophrenie erst auftrat, als diese einen "westlichen Lebensstil", verbunden mit reichlichem Konsum von Getreideprodukten aufnahmen.

Forschergruppen um Zioudrou (1979) und Brantl (1979) fanden heraus, dass sich bei der Verdauung von Weizen, Mais, Gerste, Hafer, Roggen und auch Soja sog. Exorphine, bilden. Auch in der Muttermilch, weit größere Mengen allerdings in der Milch von Kühen, finden sich Exorphine, die in diesem Fall als Casomorphine bezeichnte werden. Exorphine fallen chemisch in die Kategorie der Opioide.

Wikipedia definiert die beiden Begriffe wie folgt:

"Exorphine sind Peptide, die durch enzymatische Spaltung aus in Nahrungsmitteln vorhandenen Polypeptiden entstehen. Die Spaltung kann durch Verdauungsenzyme, Tätigkeit von Mikroorganismen oder technische Behandlung (Kochen, Backen) entstehen. Man findet sie z. B. in Getreide, Milch, Kakao, Kaffee. Exorphine wirken wie Opioide, das heißt sie können an Opioidrezeptoren wirksam werden.(Quelle)"

"Opioide (...) ist ein Sammelbegriff für eine chemisch heterogene (uneinheitliche) Gruppe natürlicher und synthetischer Substanzen, die morphinartige Eigenschaften aufweisen und an Opioidrezeptoren wirksam sind. (...)  Man unterscheidet körpereigene (endogene) Opioide, die eine Rolle bei der Schmerzunterdrückung im Rahmen der Stressreaktion spielen, von therapeutisch oder missbräuchlich zugeführten (exogenen) Opioiden. Das Wirkspektrum von Opioiden ist komplex und sehr unterschiedlich. Die wichtigste Wirkung ist eine starke Schmerzlinderung (Analgesie), was Opioide zu unverzichtbaren und vielgenutzten Arzneimitteln in der Schmerztherapie, Anästhesie und anderen Einsatzbereichen macht. Unter den vielfältigen weiteren Wirkungen sind Sedierung und der euphorisierende Effekt zu nennen. (Quelle)"

Mycroft et al. (!982, 1987) fanden in Weizen und Milch ein Analogon zu MIF-1, einem natürlich vorkommendem dopaminergem Peptid, das in keinem anderen von außen zugeführten Proteinen als Weizen- und Milchproteinen vorkommt.

Was man unter dem Begriff "dopaminerg" versteht, definiert Wikipedia wie folgt:

"Dopaminerg bedeutet so viel wie „auf Dopamin reagierend“ oder „Dopamin als Neurotransmitter enthaltend“. Gemeint sind meistens dopaminsensible Rezeptoren des Gehirns oder verhaltenssteuernde Gehirnareale, in denen Dopamin als Neurotransmitter fungiert (etwa das sogenannte Belohnungszentrum)." (Quelle)

Was es mit dem "Belohnungszentrum" in unserem Gehirn, dem Nucleus accumbens auf sich hat, beschreibt Wikipedia wie folgt:
"Der Nucleus accumbens spielt eine zentrale Rolle im mesolimbischen System, dem „Belohnungssystem“ des Gehirns sowie bei der Entstehung von Sucht. Das mesolimbische System ist sehr stark in emotionale Lernprozesse eingebunden. Hierzu wurden verschiedene Experimente durchgeführt. Affen wurden für ein bestimmtes Verhalten mit süßem Saft belohnt (operante Konditionierung). Wissenschaftler haben herausgefunden, dass nach einiger Zeit allein die Ausführung des erlernten Verhaltens die Affen glücklich machte. In anderen Experimenten mit gleichem Aufbau konnte gezeigt werden, dass die dopaminergen VTA-Neurone (VTA: engl. „ventral tegmental area“, dt. „ventrales Tegmentum“, lat. „Area tegmentalis ventralis“) auf einen bestimmten (mit einer Belohnung verbundenen konditionierten) Reiz hin so lange feuerten, bis die Belohnung erfolgte. Die mesolimbische Bahn fördert durch Glücksgefühle das Verstärken bestimmter Verhaltensmuster, die mit Belohnung in Verbindung stehen." (Quelle)

Exorphine, Casomorphine und das MIF-1-Analogon wirken zwar im Körper auf verschiedenen Wegen, sind aber allesamt in Ihrer psychischen Wirkung "belohnend", weshalb ich diese drei Wirkstoffe im Folgenden der einfacheren Darstellung halber unter dem Sammelbegriff "Exporphine" zusammenfasse.

Mit der Entdeckung der Exorphine in  Nahrungsmitteln fanden sich viele interessierte Forscher, die sich diesem Thema annahmen. Heubner et al. (1984) zeigten, dass Exorphine es von ihrer Potenz her mit Morphin und Enkephalin aufnehmen können, Fukudome und Yoshikawa (1992) bestimmten ihre Aminosäuresequenzen. Svedburg et al. (1985) zeigten auf, dass Exorphine über den Dünndarm resorbiert werden. Greksch et al. (1981) und Panksepp et al. (1984) zeigten, dass Exorphine Schmerzempfinden dämpfen und Angstzustände lösen können - Effekte, die man normalerweise nur von den Samenkapseln der Opium-Pflanze, dem Schlafmohn her kennt.
Mycroft et al. (1982, siehe auch: Gardner 1985, Paroli 1988) wiesen nach, dass über die Aufnahme einer ganz normalen Menge an Milch und Getreide über die Nahrung die doppelte Menge des MIF-1-Analogon produziert wird, das bei klinisch-depressiven Menschen zu einer nachweisbaren Verbesserung der Stimmung beiträgt.

Die meisten herkömmlichen Drogen, die zu Suchtverhalten, zu Abhängigkeit von der Droge führen, sind entweder opioid (z.B. Heroin, Morphin) oder dopaminerg (z.B. Kokain, Amphetamin). Beide Kategorien von Drogen wirken auf das Belohnungszentrum im Gehirn ein.

Was lernen wir aus diesen Zusammenhängen? Sind Getreide- und Milchprodukte chemisch betrachtet "belohnend"? Sind Menschen, die sich regelmäßig von diesen Nahrungsmitteln ernähren, "süchtig", "abhängig"?

Eine weitere interessante Facette der "drogenähnlichen" Wirkung von Getreide- und Milchprodukten ist die Rolle, die sie im Zusammenhang mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten und -allergien spielen. Einige der Symptome solcher Unverträglichkeiten und Allergien wie Angstzustände, Depressionen, Epilepsie, Hyperaktivität und Schizophrenie, Autismus beeinhalten auch Funktionen des Gehirns. Auf den ersten Plätzen der einschlägig Verdächtigen (in dieser Reihenfolge ihrer Bedeutung): Weizen, Milch, Eier, Mais, Käse, Kartoffeln, Kaffee, Reis, Hefe, Schokolade (vgl. dazu Egger 1988, Scadding und Brostoff 1988, Radcliffe 1982, 1987).

Eine der bemerkenswertesten Entdeckungen in Studien zu diesem Thema ist die, dass Patienten, die an solchen Unverträglichkeiten und Allergien leiden, oft ausgeprägtes Verlangen, Abhängigkeit und Entzugserscheinungen bezüglich der Nahrungsmittel zeigen, die sie nicht vertragen (Egger 1988, Randolph 1978, Radcliffe 1987, Kroker 1987, Spraque and Milam 1987, Wraith 1987). Brostoff und Gamlin (1989) schätzen, dass 50% von Intoleranz-Patienten süchtig nach den Nahrungsmitteln sind, die ihnen Probleme bereiten und Entzugsphänomene durchleiden, wenn sie diese Nahrungsmittel aus ihrer Ernährung verbannen. Diese Entzugserscheinungen seien ähnlich derer beim Drogenentzug (Radcliffe 1987). Der Verdacht, dass Exorphine in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen würden, wurde von Bell (1987) untersucht und untermauert.

In ihrer Einschätzung zu der Rolle von Exorphinen aus Getreide- und Milchprodukten schließen Brostoff und Gamlin (1989) wie folgt:

"... the results so far suggest that they might influence our mood. There is certainly no question of anyone getting 'high' on a glass of milk or a slice of bread - the amounts involved are too small for that - but these foods might induce a sense of comfort and wellbeing, as food-intolerant patients often say they do. There are also other hormone-like peptides in partial digests of food, which might have other effects on the body."
 Diese Erkenntnisse der Biochemie und Medizin, zusammenfassend und interdisziplinär würdigend , griffen 1993 zwei australische Wissenschaftler, Greg Wadley und Angus Martin (Wadley, G. & Martin A. 1993, The origins of agriculture -  a biological  perspective an a new hypothesis, in: Australian Biologist 6: 96-105, June 1993) vom Department of Zoology der Universität Melbourne, für die Entwicklung einer damals neuen Hypothese zur Neolitischen Revolution auf indem sie wie folgt formulierten:
"The ingestion of cereals and milk, in normal modern dietary amounts by normal humans, activates reward centres in the brain. Foods that were common in the diet before agriculture (fruits and so on) do not have this pharmacological property. The effects of exorphins are qualitatively the same as those produced by other opioid and / or dopaminergic drugs, that is, reward, motivation, reduction of anxiety, a sense of wellbeing, and perhaps even addiction. Though the effects of a typical meal are quantitatively less than those of doses of those drugs, most modern humans experience them several times a day, every day of their adult lives (...) cereals and dairy foods are not natural human foods, but rather are preferred because they contain exorphins. This chemical reward was the incentive for the adoption of cereal agriculture in the Neolithic. Regular self-administration of these substances facilitated the behavioural changes that led to the subsequent appearance of civilisation." 
Der Konsum von Exorphinen, Opioiden und dopaminergen Substanzen aus Getreide und Milch als Triebfeder der Entstehung unserer Zivilisation aufgrund eines artifiziellen, "künstlichen" Belohnungsmechanismus? 

Die Masse der Menschen betrachtet die "Errungenschaft der Zivilisation" (weil es ihr so beigebracht wurde?) als Fortschritt auf den wir Menschen stolz sein können. War diese Entwicklung dem "Drogenrausch" geschuldet, der unseren Ahnen das Hirn vernebelt hat? Konnten sie nicht mehr klar denken, waren nicht mehr vollumfänglich Herr ihrer eigenen Entscheidungen? Dies in dieser plastischen Formulierung zu behaupten ist wohl eine Nummer zu hoch gegriffen.

Wadley und Martin dazu ihre Theorie weiter ausführend:
"Thus major civilisations have in common that their populations were frequent ingesters of exorphins. We propose that large, hierarchical states were a natural consequence among such populations. Civilisation arose because reliable, on-demand availability of dietary opioids to individuals changed their behaviour, reducing aggression, and allowed them to become tolerant of sedentary life in crowded groups, to perform regular work, and to be more easily subjugated by rulers. Two socioeconomic classes emerged where before there had been only one, thus establishing a pattern which has been prevalent since that time."
Eine etwas andere Argumentationslinie, die aber in eine ähliche Richtung weist, verfolgen Brainwood et al (1953) und später Katz und Voigt (1986) sowie Reichholf (2009). Diese Autoren verorten die Belohung für die Kultivierung von Getreide in der Produktion von Alkohol in Form von Bier.

Katz und Voigt (1986, S. 33) dazu:
"Under what conditions would the consumption of a wild plant resource be sufficiently important to lead to a change in behaviour (experiments with cultivation) in order to ensure an adequate supply of this resource? If wild cereals were in fact a minor part of the diet, any argument based on caloric need is weakened. It is our contention that the desire for alcohol would constitute a perceived psychological and social need that might easily prompt changes in subsistence behaviour"
War die - uns bis heute nicht wesenfremd und unbekannte - Lust am (privaten wie kollektiven) Besaufen der Antrieb für die Entstehung der Landwirtschaft? Müssen wir die vor 12.500 Jahren enstandenen Ruinen von Göbekli Tepe, wie dies Reichholf (2009, S. 275ff) ) vorschlägt als Vorläufer der Theresienwiese in München interpretieren (Reichholf ist Niederbayer....) ? Trafen sich dort regelmäßig die Menschen der Frühphase der Zivilisation zum gemeinsamen, ritualisierten Saufgelage, so ähnlich wie wir dies heute in bayerischen Bierzelten erleben können? Waren unsere Ahnen der Übergangszeit vom Paläolithikum zum Neolithikum dem Alkohol- und Drogenrausch verfallen und und bestellten sie primär deshalb in der Frühphase das Land?

Dafür spräche nach Zohari (1986) als ergänzendes Argument die sehr früh nachgewiesene Kultivierung des Schlafmohns, beginnend vor etwa 8000 Jahren. Die Opium-Pflanze ist somit neben den Getreidepflanzen eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt (Seefelder 1996).

Bereits die Jäger und Sammler waren einem gelegentlichen "Trip" wohl nicht abgeneigt. So ist der Konsum halluzinogener Drogen (z.B. Fliegenpilz, Bilsenkraut) mit bewußtseinserweiternder Wirkung in schamanistischen Traditionen lange bekannt. Im Unterschied zu Alkohol, Opiaten und Exorphinen aus Getreide und Milch aber, sprechen halluzinogene Drogen nicht das Belohungszentrum im Gehirn an.

Wadley und Martin waren klug und bescheiden genug ihre Hypothese nicht als unikausalen Erklärungsansatz für die Frage anzubieten, warum sich Ackerbau und Milchwirtschaft letztlich gegen Jäger- und Sammlertum durchsetzen konnten und die Enstehung von Zivilisationen zur Folge hatte. Sie verstehen ihre Hypothese als Vorschlag für einen zusätzlichen Baustein, wie sie in multikausalen Modellen zur Enstehung der Landwirtschaft, die vor ihrer These bereits existierten, diskutiert werden (z.B. Redding 1988, Henry 1989).

In ihrer "Conclusion" fassen sie zusammen (Wadley and Martin 1993):

" We have reviewed evidence from several areas of research which shows that cereals and dairy foods have drug-like properties, and shown how these properties may have been the incentive for the initial adoption of agriculture. We suggested further that constant exorphin intake facilitated the behavioural changes and subsequent population growth of civilisation, by increasing people's tolerance of (a) living in crowded sedentary conditions, (b) devoting effort to the benefit of non-kin, and (c) playing a subservient role in a vast hierarchical social structure.
Cereals are still staples, and methods of artificial reward have diversified since that time, including today a wide range of pharmacological and non-pharmacological cultural artifacts whose function, ethologically speaking, is to provide reward without adaptive benefit. It seems reasonable then to suggest that civilisation not only arose out of self-administration of artificial reward, but is maintained in this way among contemporary humans. Hence a step towards resolution of the problem of explaining civilised human behaviour may be to incorporate into ethological models this widespread distortion of behaviour by artificial reward."

Ich kehre zur Ausgangsfrage dieses Essays zurück. Dort hatte ich die Frage gestellt, ob Getreide und Milch süchtig machen können: Die Antwort fällt mir leicht und kann angesichts der erdrückenden Faktenlage nur ein klares "Ja" darstellen.

An die zentrale Frage dieses Essays schließen sich aber weitere Fragen an, über die jeder von Euch selbst nachdenken kann:
  • Bin/war ich süchtig nach Getreide- und/oder Milchprodukten? 
  • Fällt/fiel es mir schwer, auf diese Nahrungsmittel zu verzichten?
  • "Brauche" ich Milch- und Getreideprodukte?
  • Will ich wirklich Nahrungsmittel zu mir nehmen, die nachweislich meine Psyche manipulieren?
  • Warum liegen Paleo-Brot-Rezepte in der Hitliste der veröffentlichten Paleo-Rezepte was die Klickzahlen angeht, auf führenden Plätzen?

An die Skeptiker und Gegner der Steinzeiternährung gerichtet:
  • Ist Eure innere Opposition ggfls. auch einem Suchtverhalten geschuldet, wie man dies von überzeugten Rauchern oder Alkoholkonsumenten kennt, die allerlei Rationalisierungen erdenken (und gezielt nach solchen suchen), um ihre Abhängigkeit zu relativieren?

Für die Freunde der großen sozialen und wirtschaftspolitischen Fragen:
  • Wer profitiert inwiefern von der Propagierung von Getreide- und Milchprodukten als Grundnahrungsmittel?
  • Erleben wir in unserer heutigen Zeit nichts anderes, als das aus dem antiken Rom bekannten "panem et circenses" - Brot und Spiele
  • Muss man das "Brot" (und Milchprodukte) in diesem Zusammenhang nicht nur unter dem Aspekt eines sättigenden Nahrungsmittels, sondern der sedierenden und euphorisierenden Wirkung der in ihm enthaltenen Exorphine würdigen? "Brot, Shopping, Profisport und Privatfernsehen" als postmodernes Analogon, das die breite Masse der Bevölkerung betäuben und am Ausbrüten sozial- und gesellschaftskritischer Gedanken und "umstürzlerischer Impulse" hindern soll?

Die Bedenken, Getreide und Milch betreffend, gehen weit über die altbekannten Klassiker wie Laktoseintoleranz, Milcheiweißallergien, Glutenunverträglichkeit, Phytinsäure und Lectine hinaus, wie ich Euch in diesem Essay zeigen wollte. Dies nicht nur Gesundheitsfragen betreffend, sondern auch Fragen aufwerfend, die weit über diesen Tellerrand hinausweisen. Erstklassiger Stoff zum Querdenken - danach bin ich nun wieder in gewisser Weise süchtig.... .


Hinweis: Dies ist ein aktualisierter Re-Publish eines Blogbeitrages vom 22.12.2011

Literaturhinweise


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Kommentare:

  1. Schöne Zusammenfassung.

    Ich denke über das Thema immer wieder nach, bleibe aber unschlüssig: Wäre es per se so schlimm, süchtig nach etwas zu sein?
    Mir gefiel der Gedanke nie, von einer Substanz abhängig zu sein (besonders, wenn sie mir obendrein schadet). Deswegen verzichte ich seit jeher auf Alkohol und die anderen bekannten Drogen.
    Manchmal denke ich mir aber, dass ich mir was vormache wenn ich mich dann wie Jeck darauf freue, dass der Gänsebraten endlich aus dem Ofen kommt. Und mich nach dessen Verzehr glücklich, aber auch mit (immer seltener) überspanntem Magen zurücklehne.

    Ob das physiologisch etwas anderes ist, spielt, denke ich, in dem Moment keine Rolle, oder?

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  2. na - das ist ja mal interessant!
    Danke für diesen Beitrag! Ohne Getreide und Milch leben... ? Ohne Spaghetti und Latte? Uh oh.
    Viele Grüße von Renate

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  3. Warum "Paleo-Brot"-Rezepte an erster Stelle liegen, meine ich erklären zu können: Brot braucht man nicht kochen oder lange zubereiten. Das ist ein großer Vorteli gegenüber Eiern, Fleisch etc. Auch isst man es kalt.

    Ich habe selbst schon auch ohne Paleobrot gelebt und das war auch einfach für mich. Aber ich möchte auf mein Brot nicht länger verzichten (und auf Getreide hab ich schon immer, besonders als Kind GERN verzichtet) - es ist einfach zu essen, eiweißreich, lecker, toll zu Suppe.

    Milchprodukte (bis auf Treibstoff Butter/Ghee) hab ich jetzt auch rausgeschmissen, weil mich das hier nachdenklich gemacht hatte: http://www.strunz.com/news.php?newsid=406&tag=Milch&ab=0

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  4. hast du auch handfeste Daten dazu gefunden "wieviel" dieser Exorphine bei gesunden Menschen:
    - vom Magen in den Blutkreislauf gelangen
    - und es letztendlich ins Gehrin schaffen und an einem Rezeptor andocken?

    weißt schon, Paracelsus sagt...

    nix für ungut, danke für die Arbeit die du in diesen Blog steckst.
    Vom Informationsgehalt abgesehen bringst du mich auch gelegentlich zum schmunzeln :)

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    1. Dazu gibt es meines Wissens noch keine handfest gemessenen Daten - zumindest wäre ich über keine diesbeüglichen konkreten Zahlen gestolpert. Das Thema ist bislang wohl auch erst recht dürftig erforscht. Casomorphine wohl noch etwas umfassender als die Gliadorphin (aus Getreide), vieles davon bislang erst im Tiermodell. Deswegen muss man wohl noch eine Weile von Hypothesenstatus ausgehen.

      Kannst Dich gerne durch die Papers wühlen, falls es dich im Detail interessiert - Ausgangspunkte z.B. diese:
      http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=exorphins
      http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=casomorphin
      http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Gliadorphin

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  5. Danke für den Artikel, das Quellenverzeichnis ist definitiv sehr hilfreich.

    Was ich gerne anstoßen möchte ist, dass wir da noch zu anthropozentrisch am Werke sind. Seh es mal anders: Nicht *wir* haben Weizen domestiziert, sondern genau umgekehrt. Wir sind der Reproduktions- und Evolutionsmechanismus dieses bis vor 10-15.000 Jahren noch komplett irrelevanten Grases namens Triticum monococcum. Zutritt zu unserem Gehirn verschafft sich dieses Gras und seine Abkömmlinge mittels einer Reihe von Proteinen und manipuliert uns damit zu dessen weiterer Ansaat und Zucht.

    Der Unterschied zu z.B. den Larven von Blasenkopffliegen, die sich in Hummelkörper einnisten und ihn langsam von innen zerstören und zu anderem, dem Parasiten nützlichen Verhalten manipulieren, ist gar nicht so groß.

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    1. Sehr interessante Gedanken, die z.B. auch im Buch "The Vegetarian Myth" von Lierre Keith ausführlicher diskutiert werden. Inwieweit man aber Pflanzen einen "Willen" zu solchem Vorgehen unterstellen kann oder es eben Ergebnis eines evolutionären "blinden" Mechanismus ist, ist eine eher philosophische Frage. Ich liebe aber solche Fragen und mache mir auch meine Gedanken darüber, so wie Du offensichtlich ebenfalls.

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  6. "Brot, Shopping, Profisport und Privatfernsehen" als postmodernes Analogon, das die breite Masse der Bevölkerung betäuben und am Ausbrüten sozial- und gesellschaftskritischer Gedanken und "umstürzlerischer Impulse" hindern soll?""

    Wenn an dieser Verschwörungshypothese irgendetwas dran wäre, müssten die Herrschenden ja auch ohne Brot auskommen. Andernfalls werden wir alle vom Getreide manipuliert, das gleichzeitig also für die herrschende Gesellschaftsform zuständig ist. Beides recht abenteuerlich...

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    1. Die modernen Eliten kommen doch ohne Getreide aus - das sind wir, die Paleoten ;)
      Dass die Domestizierung der Gräser die Menschheitsgeschichte stärker verändert hat, als jede andere menschengemachte Innovation seit der Beherrschung des Feuers, dürfte unbestritten sein. Ohne Neolithische Revolution keine Zivilisation, Staatswesen, Bevölkerungsexplosion etc. Insofern sind die gesellschaftlichen Organisationsstrukturen dem Getreide als Folge seiner Domestizierung geschuldet.
      Die These, warum sich der Mensch trotz nachgewiesen suboptimaler gesundheitlicher Wirkungen darauf einließ wird wohl nie ganz zu klären sein. Und wie die australischen Verfasser der vorgestellten Opioid-Hypothese ja auch explizit schreiben: Ein monothematischer Ansatz wird der Komplexität des Themas nicht gerecht. Aber sie haben m.E. eine sehr interessante weitere Facette hinzugefügt, die die Diskussion bereichert.

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