Mittwoch, 17. Juni 2015

Die "Spanish Ketogenic Mediterranean Diet" - Paleo neu etikettiert?

Könnt Ihr das Gesülze rund um die angeblich so "herzgesunde" Mittelmeer-Diät noch hören, das uns der Mainstream der Ernährungsjournaille beinahe täglich präsentiert? Würde meine Hausärztin diesen Begriff auch nur einmal in meiner Gegenwart benutzen, ich würde - ich schwöre! - die Praxis wechseln. An mir verdient sie nicht viel, drum wär ihr das vielleicht wurst. Tut sie aber trotzdem eher nicht - sie steht auf LOGI. Sie ist ziemlich dick. Trotz LOGI oder wegen? Passt also durchaus ins Gesamtbild. LOGI ist auch so ne überschätzte Mogelpackung voll von Halbwahrheiten... . Um Anfragen von Eurer Seite vorzubeugen: auf die Blutgruppendiät nach D'Adamo werd ich gar niemals nie eingehen, da ich mich da angesichts des konzentrierten Schwachsinns der aus diesem Machwerk trieft, so massiv aufregen müsste, dass mein Cortisolspiegel eskalieren würde und das wiederum würde meine Abspeckerei sabotieren.

Aber ich schweife mal wieder ab. Es geht heute um "Mediterranean Diet". Aber weniger um den Klassiker. Ich bin da nämlich auf etwas Spannendes gestoßen, das ich Euch nicht vorenthalten möchte. Bevor ich aber auf diese neuen Entwicklungen eingehe, will ich ein paar grundlegende Dinge vorausschicken.

von Robert Bock

Erstens: Im Mittelmeerraum zeigen die epidemiologischen Studien (zusammenfassend z.B. hier) eine Prävalenz des Metabolischen Syndroms, das sich nicht wesentlich von der im Rest Europas unterscheidet. 20-25% der erwachsenen Bevölkerung sind betroffen. Sich so wie die Menschen im Mittelmeerraum zu ernähren, kann also der ultimative Burner nicht sein, wenn man gesund alt werden will.

Zweitens: Selbst die originalen, also die traditionellen, heterogenen und mannigfaltigen Küchen des Mittelmeerraumes haben mit den artifiziellen Konzepten der "Mediterranen Diet", wie sie von amerikanischen Ernährungswissenschaftlern (Keys, Willett, u.w.m.) "komponiert" wurden, nur sehr bedingt zu tun. "Die mediterane Ernährung" gibt es ebensowenig wie es "die Paleo-Ernährung" gibt. Das uns von der Medizin verkaufte Konzept ist ein Kunstprodukt. Ironischerweise sind es ausgerechnet und vor allem Fans der mediterranen Ernährung, die den Paleo-Vertretern vorwerfen, dass es eine, die Paleo-Ernährung an sich gar nicht gab und dass deshalb die ganze Idee Blödsinn sei. Sollen mal besser vor der eigenen Haustür kehren und mir eine Familie rund ums Mittelmeer zeigen, die sich nach ihrem Retorten-Konzept ernährt. Ich kenne keine und ich habe persönlich über 13 Jahre persönliche familiäre Griechenland-Erfahrung. Aber was zählt schon meine bescheidene persönliche Erfahrung. Hier geht's um empirische Massenphänomene. Alleine ein Blick auf die unglaubliche Vielfalt regional differenzierter italienischer Küchentraditionen zeigt, dass die "Mediterranean Diet" mit real existierender Mittelmeerküche so viel zu tun hat, wie die Bewohner Entenhausens mit den Enten bei mir drunten an der Donau.

Drittens: Es existieren so gut wie keine kontrollierten Interventionsstudien mit umfangreicheren Stichproben und/oder zeitlicher Dauer, in deren Rahmen man ganz konkret Paleo- und Mediterranean Diet verglichen hätte. Sofern dies das Thema von kleineren, aber sauber gemachten Studien war, war die Paleo-Diät stets überlegen hinsichtlich der untersuchten Kriterien.

In jüngerer Zeit wurden diverse Studien erstellt, in denen u.a. neben LC, LF, auch Paleo- und Mediterane Diätvarianten unter verschiedenen Gesichtspunkten verglichen wurden. Die Paleo-Varianten schnitten meist ebenso gut, oft bzgl. bestimmter Parameter deutlich besser ab (insbesondere wenn es um Blutzuckerkontrolle als Kriterium ging). Signifikant unterlegen waren in diesen Studien die Paleo-Varianten kein einziges mal, wohl aber öfters signifikant überlegen. Einen groben, allgemein verständlich gehaltenen Überblick dazu liefert diese Seite

In den letzten Jahren machten ketogene Varianten mediteraner Diäten in verschiedenen Studien, vor allem von spanischen Forschergruppen, von sich reden, die sich in bestimmten Aspekten bislang als nochmals deutlich effektiver erwiesen, als klassische mediterane Diätkonzepte. Um ein abschliessendes Urteil hierzu bilden zu können, müssen aber noch deutlich mehr Studien erstellt werden. Zum Einlesen leg ich Euch die folgenden Studien ans Herz:

Studie 1
Studie 2
Studie 3
Studie 4

Tja - was ist der Clou an diesen die traditionellen mediterranen Diätkonzepte möglicherweise so erfolgreich  outperformenden neuen ketogenen Varianten?

Der Verzicht auf die, von den Mediterranean-Diet-Gurus ja als solche geschätzten ach so gesunden (Vollkorn-)Getreide und Hülsenfrüchte (ohne den man nur schwerlich in Ketose kommt). Auch nicht auf dem Speisezettel: Kartoffeln. Abgesehen davon: Niemand im Mittelmeerraum würde freiwillig Vollkornprodukte konsumieren. Wenn Mehl, dann strahlend weisses Mehl. Das hat seine Gründe - und zwar keine ästhetischen. Paleo-Freunde kennen sie. Vertiefe ich hier nicht.

Keine Kartoffeln, kein Getreide, keine Hülsenfrüchte - dämmert's schon bei Euch?

Wie sieht die Spanish Ketogenic Mediterranean Diet aus (Quelle)?

"This protein ketogenic diet was called "Spanish Ketogenic Mediterranean Diet" (SKMD) due to the incorporation of virgin olive oil as the principal source of fat, moderate red wine intake, green vegetables and salads as the main source of carbohydrates and fish as the main source of proteins. It was an unlimited calorie diet, nevertheless subjects were encouraged to consume per day: a maximum of 30 g of carbohydrates in the form of green vegetables and salad, a minimum of 30 ml of virgin olive oil, 200–400 ml of red wine and no limit of the protein block.

Participants were permitted 3 portions (200 g/portion) of vegetables daily: 2 portions of salad vegetables (such as alfalfa sprouts, lettuce, escarole, endive, mushrooms, radicchio, radishes, parsley, peppers, chicory, spinach, cucumber, chard and celery), and 1 portion of low-carbohydrate vegetables (such as broccoli, cauliflower, cabbage, artichoke, eggplant, squash, tomato and onion). 3 portions of salad vegetables were allowed only if the portion of low-carbohydrate vegetables were not consumed. Salad dressing allowed were: garlic, olive oil, vinegar, lemon juice, salt, herbs and spices.

The minimum 30 ml of olive oil were distributed unless in 10 ml per principal meal (breakfast, lunch and dinner). Red wine (200–400 ml a day) was distributed in 100–200 ml per lunch and dinner. The protein block was divided in "fish block" and "no fish block". The "fish block" included all the types of fish except larger, longer-living predators (swordfish and shark). The "no fish block" included meat, fowl, eggs, shellfish and cheese. Both protein blocks were not mixed in the same day and were consumed individually during its day on the condition that at least 4 days of the week were for the "fish block".

Trans fats (margarines and their derivatives) and processed meats with added sugar were not allowed.

No more than two cups of coffee or tea and at least 3 litres of water were intake each day. Infusions and artificial sweeteners were allowed (saccharin, cyclamate, acesulfame, aspartame and sucralose)."
So - wer findet in diesem Konzept die wirklich nennenswerten Unterschiede zu gängigen Konzepten der modernen Paleo-Ernährung?

  • Ein wenig Käse? So lange man gereiften Käse, vorzugsweise aus Ziegen- oder Schafsmilch nimmt und keine Allergien/Unverträglichkeiten gegen Kasein oder Albumine hat, kann man damit leben. Zumal man ja auch keinen Käse essen muss in dieser SKMD. Man kann.
  • Das ein oder andere Nachtschattengewächs (Tomaten, Paprika, Aubergine...)... ? OK - da ist auch das Paleo-Lager gespalten. Wenn nicht gerade einschlägige Allergien oder rheumatische Gelenkerkrankungen vorliegen, ein nachrangiges Problem. Außerdem kann man, aber man muss nicht auf Nachtschattengewächse zurückgreifen.
  • Der "Fish-Block" wird ohne konkretere Begründung mit mindestens 4:3 pro Woche stärker gewichtet als der "No-Fish-Block" - aber gut, das ist auch im Spektrum der möglichen individuellen Vorlieben im Rahmen einer Paleo-Diät kein Ding. Man muss ja nicht mal Fleisch essen im Paleo-Konzept, wenn man nicht will und lieber Fisch usw. futtert. Es gibt auch innerhalb des Paleo-Lagers Vertreter, die auf Basis paläoanthropologischer Erkenntnisse bzgl. der Höhe des Meeresspiegels in der Altsteinzeit davon ausgehen, dass Fisch und Meeresfrüchte eine weit bedeutendere Rolle gespielt haben, als wir heute glauben - leider sind Lebensräume an den damaligen Küstenlinien teils 50 km weit draussen unter dem Meer gelegen und es fehlen uns deshalb die Fundstellen für archäologische Belege solcher Thesen. dass die Altsteinzeitler allerdings schon versierte Hochseefischer waren, ist durch zahlreiche Artfakte hinreichend belegt. Warum also nicht eine fischlastige Ernährung? Ich liebe Fisch und Meeresfrüchte. Mir soll es recht sein, würde mich jemand zu so einer Ernährung zwingen. Warum übrigens keine großen Raubfische? Die sammeln die Toxine, die unsere Gewässer heute belasten besonders reichlich in ihrem Gewebe. Ein nachvollziehbarer Grund, auf solche Arten zu verzichten.
  • Süßstoffe? (unter uns - was haben die in einer seriösen Diät verloren?!?)

Unterm Strich bleibt eine sehr vielseite Ernährung auf weitgehender Basis naturbelassener Lebensmittel übrig, die so viel Olivenöl und tierische Proteine erlaubt, wie man essen möchte. Das zwecks Erreichen der ketose notwendigerweise sehr niedrige Budget an KH's wird ausschließlich mit 600-800g an Gemüsen und Salaten und damit enorm nährstoffdicht gestaltet, bestritten. Antinutrients: Überschaubar. N6:n3? Dürfte prima aussehen, da kaum n6-Träger in der Diät, aber ordentlich Fisch. Wählt man da die fetteren Arten, bingo. Da lacht das Herz: Rotwein.

Kulinarisch kann man aus diesen Lebensmitteln auf jeden Fall sehr viel machen, oder was meint Ihr? Klingt das nicht gut?

Mit Ausnahme der genannten Punkte funktioniert diese faktisch fast ausschließlich auf Paleofood basierende Diät offensichtlich - so zumindest die bisherig aufgelaufenen Ergebnisse - wohl besser als ihre "großen Geschwister" unter den Mediteranen Konzepten, also die mit Getreiden, Kartoffeln und Hülsenfrüchten, wenns um Übergewicht und Metabolisches Syndrom geht.

Da schau her... . Warum nennt man das Kind dann aber nicht gleich "Ketogenic Mediteranean Paleo"?

"Mediteranean Diet" alleine klingt vielleicht nicht so aufrührerisch nach Heräsie wie Paleo da der Begriff schon so lange etabliert und positiv belegt ist und jeder durchschnittliche Hausarzt meint, das das was Feines ist. Es verbirgt sich aber - da brauchen wir nicht lange drum rum reden - im Grunde hinter dem Mercedes unter den Mediteranen Diäten, nichts anderes als eine ketogene Paleo-Ernährung mit kleinen Modifikationen.

Selbstverständlich wird auch lieber "High Protein" statt "High Fat" formuliert, da "High Fat" aller Wahrscheinlichkeit nach Reaktanz bei den "grauen Eminenzen" zur Folge haben würde, da bei denen es dann sofort reflexartig

ATKINS!!!!

im denkfaul und eitel gewordenen Gehirn aufjault, auch wenn es sich definitiv um eine High-Fat-Diät handelt.

Clever, clever! Und ich dachte immer in Spanien verstünden allenfalls die Gynäkologen was vom Doping - aber nein, dort verstehen offenbar die Ernährungswissenschaftler was von Marketing! Muss es uns um die Zukunfts Spaniens angesichts solchen Ideenreichtums Bange werden, liebe Leserinnen und Leser?

Die Mediterrane Diät ist von der Idee und den Ergebnissen her um Längen besser als eine Western Standard Diet. Das ist unbestritten aber auch nicht weiter schwer zu erreichen. Aber sie ist reich an Antinutrients, weil sie den ganzen besseren Viehfutterjunk wie Kartoffeln, Getreide und Hülsenfrüchte halt nicht ausläßt.

Doch wir wissen: Das Bessere ist des Guten Feind...

Die ketogenen Varianten weisen darauf hin, dass sich die Wirkungen einer traditionellen mediterranen Ernährung mit Getreiden und Hülsenfrüchten hinsichtlich der Parameter des Metabolischen Syndroms nochmals verbessern lassen könnten (warten wir mal etwaige zukünftige Studien ab...), wenn man auf diese neolithischen Nahrungsmittel verzichtet, damit die Antinutrients sowie die Kohlenhydrate reduziert und im Gegenzug die Fettzufuhr bei Maximierung der Nährstoffdichte pro Kalorie insgesamt deutlich anhebt. Nicht nur dass Getreide im Vergleich zu Gemüsen auf die Kalorie bezogen kaum Mikronährstoffe liefern, die Phytate im Vollkorngetreide binden auch noch Mineralien, so dass diese unverdaubar werden und über den Stuhl ausgeschieden werden. Eigentor, liebe Vollkornfreunde. Klassisches Eigentor mit eingesprungener doppelter Schraube mit hoher B-Note. Aber ein Eigentor. Tut mir leid, aber Brot&Pasta ist Verliererfraß.

Warum man das Konzept dann aber noch "Mediterranen" nennen muss, bleibt der Phantasie der Leute überlassen, denn die originale Mittelmeer-Diät sollte ja ursprünglich vor allem fettarm und reich an Getreide und Hülsenfrüchte als elementare Charakteristika sein... . Die Kenner unter Euch erinnern sich an die unsägliche Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys, der Keys, dem ich neben Hilter und Stalin einen Ehrenplatz unter den Massenmördern des 20.Jahrhunderts zugewiesen habe. Fett treibt Cholesterin, Cholesterin treibt Arteriosklerose, so Keys Vorurteil knapp gefasst. Jede Station dieser Kette ist inzwischen als Bullshit widerlegt, prägt aber immer noch den Mainstream der heutigen Meinungsbildner. Vor allem die gesättigten Fette stehen völlig zu unrecht am Pranger. Wird Zeit, dass sich das ändert.

Sei's drum: Mit der SKMD kommt man nun der Paleo-Ernährung so nahe, dass man im Grunde behaupten könnte, die Erfinder haben beim Paleo-Lager konzeptionell geklaut und verkaufen nun eine Paleo-Diät mit einer Prise Mittelmeerluft. M.E. vor allem geistig bestohlen: Loren Cordain und seine Version der "Paleo Diet".

Wie auch immer... . Wem die mediterranen Diäten gefallen, der sollte sich m.E. für die beschriebenen (wie z.B. die Spanish Ketogenic Mediterranean Diet) entscheiden. Wie er/sie dann nennt, ist mir egal - Hauptsache man lebt damit gesund und fühlt sich in jeder Hinsicht zufrieden damit. Der Zweck heiligt die Mittel, oder?

Ein lesenswerter Blog rund um Mediterrane, Low-Carb- und Ketogene Mediterrane Diäten ist dieser, den ich gerne regelmäßig besuche.

Was meint Ihr - vor allem die LCHF'ler unter Euch: Könntet Ihr Euch mit der Spanish Ketogenic Mediterranean Diet als Alternative zu den etablierten skandinavischen Konzepten anfreunden?

Repost vom April 2013

Kommentare:

  1. Sebastian Bechtel11. April 2013 um 19:53

    Ich als nicht-LCHF'ler äußere mich mal trotzdem dazu: Ich kann mich zwar im allgemeinen nicht mit ketogener Ernährung anfreunden, aber müsste ich mich ketogen ernähren, würde mich dieses Konzept mehr ansprechen, als das, was ich bisher so an LCHF-Varianten mitbekommen habe.

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    1. Sebstian --- Du? Ketogene Diät? So gut wie kein Obst??? Im Falle dieser SKMD sogar gar keines. Nada, null, niente. Nein, das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen ;)

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    2. Sebastian Bechtel12. April 2013 um 21:20

      Sag ich ja, wenn ich ketogen müsste, dann würde ich das nehmen, aber ich habe ja gar keinen Anlass dafür ;)

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